Wir leben unumstritten in einer Zeit, in der Claude, ChatGPT & Co. uns viele Aufgaben und Teile der Planung im Arbeitsalltag abnehmen. Vielleicht sind darunter auch Tätigkeiten, die uns früher besonders Spaß gemacht haben. Was tun wir dann? Für manche kann ein neuer Blickwinkel auf die eigenen täglichen Aufgaben helfen.
Anfang: Anerkennung
Zufriedenheit mit den Aufgaben, die wir täglich erledigen, ist wichtig. Sie gibt uns Freude und Motivation, weiterzumachen und uns weiterzuentwickeln.
Als ich vor 12 Jahren mit dem Programmieren begann, gab es viele Aufgaben, die mir als Junior-Entwickler schwerfielen. Damals arbeitete ich an Erweiterungen für ein intern entwickeltes Warenwirtschaftssystem in C#, und meine „Kunden" waren Kollegen. Das Schönste daran war, diesen Kollegen die neue Funktionalität vorzustellen und ihr Lob zu bekommen. Dieses Lob gab mir Zufriedenheit und Enthusiasmus, um neue Aufgaben anzupacken.
Das Problem daran: Wenn eine Funktion nicht gut ankam, ein Kollege einen schlechten Tag hatte oder sich schlicht nicht dafür interessierte, verschwand damit auch meine Motivation – und die Zufriedenheit gleich mit.
Mitte: Eigenlob
Als ich die Branche wechselte und Webentwickler wurde, änderten sich auch meine Kunden. Nun hatte ich nicht mehr täglich direkten Kontakt, und so hörte ich seltener von ihnen – weder Lob noch Kritik.
Was motiviert einen dann?
In dieser Zeit lernte ich, Freude am reinen Entwickeln zu finden. Ich konnte mich viel stärker darauf konzentrieren, was gutes Entwickeln eigentlich bedeutet. Meine Fähigkeiten verbesserten sich, und damit auch mein Anspruch, sauberen, durchdachten Code zu schreiben. Meine Motivation kam nun aus mir selbst: Ich wollte die beste technische Lösung für das jeweilige Problem finden. Wenn der Kunde nebenbei glücklich war – umso besser.
Das Problem daran: Die technisch beste Lösung ist nicht immer die beste Lösung für den Kunden oder den Chef. Oft dauert sie wesentlich länger als eine praktikable Alternative – und manchmal ist es sogar die vom Kunden oder Chef vorgeschlagene Variante, die umgesetzt werden muss. Wenn dann bei jeder Lösung ausschließlich die besten technischen Ansprüche im Vordergrund stehen und andere Anforderungen – wie zeitliche Vorgaben oder praktischer Nutzen – immer wieder ignoriert werden, wächst schnell der Unmut. Dann merkt man, dass die eigene Zufriedenheit und Motivation nur von kurzer Dauer sind und sich langfristig nicht halten lassen.
Ende: Neue Motivation – Fortschritt
Seit ich neben meiner Tätigkeit als Webentwickler auch Projekte als Projektmanager begleite, hat sich mein Blickwinkel erneut verändert. Wenn man selbst die Verantwortung trägt, Deadlines einzuhalten und Anforderungen zu erfüllen, entsteht eine neue Freude: die Freude am Fortschritt.
Solange produktiv an einem Projekt gearbeitet wird, gibt es keinen Stillstand. Und egal, wie klein der Schritt ist – es ist ein Schritt nach vorne. Mit Blick auf Motivation und Zufriedenheit ist das unabhängig von Faktoren, die man nicht beeinflussen kann:
Egal, ob der Kunde die Funktion gerade nicht interessant findet, einen schlechten Tag hat oder die Aufgabe technisch wenig anspruchsvoll ist – Fortschritt kann ich beeinflussen. Selbst in schwierigen Zeiten kann ich ihn auch in kleinen Aufgaben wiederfinden.
AI – eine neue Perspektive gefragt
Diesen Perspektivwechsel habe ich ursprünglich durch meine Arbeit als Projektmanager gelernt. Doch nun wird genau diese Denkweise für jeden Entwickler relevant – auch ohne Projektmanagement-Erfahrung.
Wer AI als „Code Companion" produktiv einsetzt, wird feststellen: Ein Teil der Freude am Programmieren – das Selberschreiben – tritt in den Hintergrund. Stattdessen geht es mehr darum, Code zu lesen, zu verstehen, Aufgaben zu delegieren und präzise Anweisungen zu formulieren.
Gerade dann kann es helfen, den eigenen Fortschritt bewusst zu tracken – auch ohne formale Projektmanagement-Rolle. Das Setzen eines klaren Ziels für die Woche oder den Tag und das bewusste Nachverfolgen des eigenen Fortschritts kann zum Schlüssel für nachhaltige Zufriedenheit und Motivation werden. Bereits kleine, regelmäßig überprüfte Etappenziele helfen dabei, Erfolge sichtbar zu machen und den eigenen Arbeitsalltag strukturierter und erfüllender zu gestalten.